Atelier für Kunst, Fotografie und Design

Wen die Sonnenblumen blühen

Geschichte_Sonnenblume

Die gelben Köpfe scheinen ständig in Bewegung und zu nicken. Ihre tief-gelben Blütenblätter blicken freundlich auf mich herab. Gelegentlich steuert ein schwarzes Insekt die verlockende Farbe an und verweilt dort kurz, fernab jeglichen geschäftlichen Treibens, dem er heute noch nachkommen muss. Die rauhaarigen Stängel werden überdeckt durch die großen grünen Blätter. Viel Liebe legte der Schöpfer in die Modellage der herzförmigen Blätter. Sein Werk vollendete er, indem er ihnen einen matten Glanz auftrug, in dem sich die Sonne an schönen Tagen widerspiegelt. Fünfzig Schritt entfernt hört man einen Zug vorbeifahren. Eisen schlägt auf Eisen und ein leises Wimmern ist wahrnehmbar. Stimmen, die unheilvoll flüstern und sanft knarzendes Holz, das die Wagen zu zerbersten scheint.

 

Plötzlich wird es dunkel. Die sanften warmen Strahlen der Sonne räumen urplötzlich das Feld, um der gespenstischen Dunkelheit Platz zu machen. Ein greller Aufschrei am Horizont der sich schnell ausbreitet um mich herum. Erst aus der Ferne und nun unmittelbar neben und hinter mir. Eine große dunkle Hand greift nach der klaren Luft und drückt sie gnadenlos zusammen. Die geballte dunkle Faust hinterlässt ein sonderbares Geräusch. Die Sonnenblumen, die eben noch so froh nickten, fallen nach vorn und hinterlassen blau-weiße Streifen am Boden. Ich schließe langsam meine Augen, meine Lungen blähen sich noch ein letztes mal auf und versuchen den verbleibenden Sauerstoff des Raumes in sich aufzunehmen. Eine Träne läuft mir über die Wange, weil ich weiß, das ich nie wieder das Blühen der Sonnenblumen sehen werde.

geschrieben am 13.09.2015 von Lysann Hartung