Atelier für Kunst, Fotografie und Design

Der Winter hat das letzte Wort

Das Jahr neigte sich dem Ende. Die kleine Maya hatte ihrem Papa gefragt, warum es dieses Jahr wieder nicht schneit und wie das mit dem Weihnachtsmann funktionieren soll, der doch nur einen Schlitten besaß. Eine Frage, die jedes Elternteil mindestens einmal im Leben beantworten muss. Der Papa haspelte umher und versuchte der vierjährigen etwas vom Klimawandel und globaler Erderwärmung zu erklären. Maya, die die Zusammenhänge nicht begreifen konnte, lies enttäuscht und traurig ihren Kopf hängen. Die schön weiß gemalten Bilder auf den Kinderbüchern, die Figuren von Weihnachtsmännern im Schnee, dies alles gestaltete sich Jahr für Jahr zu einer zunehmenden Illusion von einem Weihnachtsfest. Ein Weihnachtsmann auf einem Schlitten, gezogen von mächtigen Rentieren war genauso ein Wunschdenken geworden, wie die Vorstellung, das schwebende Engel oder kleine Zwerge mit bunten Mützen im Vorfeld die Geschenke verpackten.

 

Des Vaters Tätigkeitsfeld war der Wald, wo er mit der Pflege und der Nutzung im Forstwirtschaftlichen Rahmen betraut war. Das Fällen von Baumriesen erforderte jeden Tag Kraft und Ausdauer, sodass der 43 jährige auch heute wieder müde und ausgelaugt den langen Ausführungen seiner Tochter zuhörte, wenngleich er immer wieder in das Land der Träume abdriftete. „Ja, ja, natürlich ja!“ schrie der Papa auf und erwachte aus einem Sekundenschlaf. Maya´s ständiges Gerede hatte ihn nach dem langen Arbeitstag endgültig auf der Couch einnicken lassen und nun klatschte die vierjährige vergnügt in die Hände. „Danke Papa, Danke. Ich freue mich so sehr, vielen Dank!“

 

„Verdammt!“, murmelte der Vater. „Zu was habe ich jetzt Ja gesagt?“ Gedanklich ging er Maya´s Wunschzettel durch, den die vierjährige liebevoll gezeichnet und mit vielen roten Herzen verziert hatte. Ein Barbie Einhorn, ein Playmobil Reiterhof ach und Knete, viel bunte Knete. Maya besaß nämlich bereits mit vier Jahren eine Knetküche. Die riesige Auswahl an bunten Knetleckerrein und die umfangreiche Küchenausstattung liesen keine Wünsche bei der kleinen Hausfrau von heute offen. Aber aus unerfindlichen Gründen verschwand immerzu die Knete. Innerlich fluchte er, weil er sich jetzt wohl doch zu einem großen Puppenhaus hat hinreisen lassen. Dank des Mindestlohnes wird er nun mindestens 2 Tage für das moderne neue Heim von Maya´s Barbiepuppen arbeiten müssen. Diese erwartet dann auf 3 Etagen jeden Menge Komfort, eine Dachterrasse und ein Garten. Mit etwas Glück ist das passende Mobiliar gleich dabei. Wenn nicht, kamen zur geregelten Arbeitszeit noch einige Überstunden hinzu, wenn das Wetter mitspielte. Winterliches Wetter erschwerten die Arbeiten im Wald. Die Sicht kann durch Schnee behindert werden, das Holz friert und der vereiste Boden verringerte die Standfestigkeit der Waldarbeiter.

 

Zwei Tage später saß der Vater zur Brotzeit im Wald auf einer frisch geschlagenen Tanne. Überall nagte bereits die keusche Kälte an den Bäumen.

Wald

Das donnernde Getöse war für 10 Minuten zum Stillstand gekommen und man konnte wieder ein gedämpftes Rauschen von Blättern hören und das leise Rascheln im Unterholz. Der Vater rieb sich mit beiden Händen über seine Beine. Die dicke Schnittschutzhose aus mehreren Lagen speziellen Fasern schütze nicht nur vor Schnittwunden, sondern auch vor Kälte. Es war kalt geworden, um die 0° C. Besorgt schaute er zum Himmel und raunte flehend: „Es darf nicht schneien, ich brauche das Geld, gerade jetzt vor dem Weihnachtsfest.“ Aus der Ferne hörte man die ersten Motoren wieder aufheulen, die symbolisierten, das sie erholsame Pause vorbei war. Der Vater erhob sich gequält, verharrte jedoch in gebückter Haltung und hielt seine Hände mit schmerzverzerrtem Gesicht auf seinen Rücken. Tage später stand die Diagnose fest: Bandscheibenvorfall, eine typische Berufskrankheit der Waldarbeiter.

 

Der Arzt schrieb seinen Patienten 6 Wochen krank und verordnete dem Vater Krankengymnastik und Wärmetherapie, die die Beschwerden lindern sollten. In 3 Wochen war das Weihnachtsfest und das Puppenhaus war damit in weite Ferne gerückt. Schuldgefühle überkamen den Vater und er fühlte sich vom Schicksal verraten.

 

Die seelische Bedrückung des Vaters nahm von Tag zu Tag zu, je näher der Tag des heiligen Abends rückte. Auch der Umstand, das Maya nun beflissen ihre Zähne putze und das Zimmer ständig aufräumte, denn der Weihnachtsmann bringt nur artigen Kindern etwas, schafften keine Besserung seines Gemütszustandes. Niedergeschlagen und trübsinnig hetzte er sich noch durch die letzten Weihnachtsvorbereitungen, soweit es sein Gesundheitszustand zuließ, bis der große Tag gekommen war.

 

Die bunten Farben der Geschenkpapiere spiegelten sich in den Weihnachtsbaumkugeln wieder und erfüllten den Raum mit Harmonie und Frieden. Feierstimmung kam beim Vater keine auf. Die Wirbelsäule schmerzte noch immer und das große Paket fehlte unter dem Weihnachtsbaum. Kleine bunt eingeschlagene Pakete lagen liebevoll verteilt unter der 1,20m Tanne aus dem Discounter, die neben dem Fenster stand. Der Nadelbaum war mit Kerzen aus Plastik, Glaskugeln, Engelsfiguren und jeder Menge Lametta versehen. Die hoch aufgestellten weiß leuchtenden Kerzen am Baum waren von der Straße gut einsehbar und stammten noch aus Oma Zeiten.

 

Optimistisch und voller Ungeduld betrat die kleine Maya das Wohnzimmer. Für einen Moment hielt sie inne und ihr Blick verharrte zwei drei Sekunden auf dem halbgeöffneten Fenster neben dem Weihnachtsbaum. Festliche Weihnachtsmusik erfüllte den Raum und der Vater murmelte leise: „Frohe Weihnachten“.

weihnachten

Maya´s Lippen begannen zu zittern und ihre Augen füllten sich schlagartig mit Tränen. Die vierjährige schaute in das Gesicht ihres Vaters und öffnete langsam ihren kleinen Mund. Dem Vater stocke der Atem. Er hatte das Gefühl, sein Herz ziehe sich schmerzhaft zusammen, über die Enttäuschung seiner Tochter. Maya rannte zu ihrem Vater und umarmte ihn innig. Dem großen bärtigem Waldarbeiter standen nun auch die Tränen in den Augen und Maya flüsterte leise: „Ich liebe dich so sehr.“ Der Vater schaute Maya bedrückt in ihr kleines Gesicht und streichelte seufzend über ihr Köpfchen. Maya wendete sich wieder zum Fenster und deutete hinaus. Der Vater folgte dem Fingerzeig seiner Tochter und sah die ersten Schneeflocken dieses Jahr am Fenster vorbei schweben, die das Szenario wie in einem romantischen Märchen erschienen liesen. Ein draußen vorbeifahrendes Auto erzeugte einen Scheinwerferkegel, der die Flocken in ein silbriges Weiß tünchte. „Du hast es schneien gelassen, endlich schneit es! Ich danke dir so sehr dafür!“ Glücklich drückte das kleine Mädchen ihren Vater fest an sich und lächelte selig vor sich hin.

geschrieben am 18.11.2015 von Lysann Hartung